Kaum ein Vogel verrät seine Anwesenheit so deutlich wie der Buntspecht (Dendrocopos major). Sein lautes Trommeln hallt schon im zeitigen Frühjahr durch Wälder, Parks und Gärten. Viele Menschen erkennen den schwarz-weiß-roten Vogel sofort am Aussehen oder am charakteristischen Klopfen – doch nur wenige wissen, wie außergewöhnlich seine Lebensweise tatsächlich ist.

Der Buntspecht ist nicht nur ein geschickter Kletterer und Insektenjäger. Er baut jedes Jahr neue Baumhöhlen, von denen zahlreiche andere Tierarten profitieren, besitzt eine erstaunlich lange Zunge und kann tausende Male gegen einen Baum schlagen, ohne eine Gehirnerschütterung zu erleiden. Selbst im Winter ist er aktiv und besucht regelmäßig Futterstellen in naturnahen Gärten.
In diesem Artikel erfährst du zehn spannende Fakten über den Buntspecht – und warum dieser auffällige Vogel für unsere Wälder und Gärten besonders wichtig ist.
1. Das Trommeln ersetzt seinen Gesang

Wer im zeitigen Frühjahr spazieren geht, hört oft ein schnelles Klopfen, das wie ein kleiner Presslufthammer klingt. Meist steckt ein Buntspecht dahinter. Anders als viele Singvögel kommuniziert er nicht in erster Linie durch Gesang, sondern durch Trommelwirbel.
Vor allem Männchen markieren damit ihr Revier und werben gleichzeitig um Weibchen. Das Trommeln übernimmt bei ihnen also die Funktion des Vogelgesangs. Auch Weibchen trommeln, ihr Klopfen ist jedoch etwas kürzer und weniger schnell.
Ein einzelner Trommelwirbel dauert weniger als zwei Sekunden und besteht aus etwa 10 bis 20 extrem schnellen Schnabelschlägen. Dabei kommt es weniger auf die Lautstärke als auf die Resonanz an. Je besser ein Untergrund den Schall überträgt, desto attraktiver ist er als Trommelplatz. Deshalb nutzt der Buntspecht nicht nur trockene Äste oder hohle Baumstämme, sondern in Siedlungen gelegentlich auch Metallmasten oder Dachrinnen.
Zu hören ist das Trommeln vor allem während der Balz im Frühjahr. Doch auch außerhalb der Brutzeit setzt der Buntspecht Trommelwirbel ein, etwa um sein Revier zu verteidigen oder Rivalen auf Abstand zu halten.

2. Sein Kopf schützt ihn vor den gewaltigen Kräften beim Hämmern
Wer einen Buntspecht beim Trommeln beobachtet, fragt sich unweigerlich: Warum bekommt er dabei keine Gehirnerschütterung?

Lange gingen Forschende davon aus, dass der Schädel des Buntspechts wie ein Stoßdämpfer funktioniert und die Aufprallkräfte abfedert. Neuere Untersuchungen zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Heute geht man davon aus, dass nicht eine einzelne Struktur, sondern das Zusammenspiel mehrerer anatomischer Anpassungen den Kopf schützt.
Dazu gehören unter anderem ein kompakter Schädel, kräftige Nackenmuskeln, die stabile Lage des Gehirns und eine kontrollierte Schlagbewegung. Gemeinsam sorgen diese Eigenschaften dafür, dass die beim Hämmern entstehenden Kräfte möglichst gleichmäßig verteilt werden, ohne die Schlagenergie unnötig zu verringern. Schließlich muss der Buntspecht das Holz mit jedem Schlag effektiv bearbeiten können.
Wie genau diese Schutzmechanismen zusammenwirken, ist noch immer Gegenstand der Forschung.
3. Seine Zunge ist länger als sein Kopf
Der eigentliche Star unter den Werkzeugen des Buntspechts ist nicht sein Schnabel, sondern seine außergewöhnlich lange Zunge.

Während die Zunge der meisten Vögel nur wenig aus dem Schnabel herausragt, kann der Buntspecht sie mehrere Zentimeter weit hervorstrecken. So erreicht er Insekten und Larven, die tief in schmalen Bohrgängen unter der Rinde oder im Holz verborgen sitzen.
Möglich wird das durch einen raffinierten anatomischen Trick. Der sogenannte Zungenbeinapparat verläuft nicht nur im Hals, sondern zieht sich hinter dem Schädel entlang und reicht bis über den Oberkopf. Dadurch kann die Zunge weit nach vorn ausgestreckt werden, obwohl sie im Ruhezustand vollständig im Kopf untergebracht ist.
An ihrer Spitze besitzt sie kleine Widerhaken und ist zusätzlich mit klebrigem Speichel bedeckt. Beides hilft dabei, Käferlarven, Ameisen oder andere kleine Beutetiere sicher aus ihren Verstecken herauszuziehen.
Der Schnabel übernimmt dabei lediglich die Vorarbeit. Er öffnet das Holz und legt die Fraßgänge frei. Erst anschließend kommt die lange Zunge zum Einsatz und erreicht Stellen, die für andere Vögel unerreichbar wären.
Gut zu wissen:
Besonders gerne frisst der Buntspecht holzbewohnende Käferlarven, Ameisen und andere Insekten, die sich im entwickeln.

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4. Der Buntspecht baut Wohnungen für viele andere Tiere
Der Buntspecht wird oft als „Baumeister des Waldes“ bezeichnet – und das aus gutem Grund. Jedes Frühjahr zimmert ein Brutpaar eine neue Nisthöhle in einen Baum. Mit ihrem kräftigen Meißelschnabel schlagen Männchen und Weibchen tagelang Holzspäne aus dem Stamm, bis eine geräumige Bruthöhle entsteht.

Je nach Holzart und Stammzustand dauert der Bau etwa zwei bis drei Wochen. Bevorzugt werden ältere oder bereits geschädigte Bäume, deren Holz sich leichter bearbeiten lässt. Das Einflugloch ist meist kreisrund und schützt die Jungen später vor Fressfeinden.
Nach der Brutsaison wird die Höhle verlassen – doch damit beginnt für viele andere Tiere erst ihre eigentliche Bedeutung. Da zahlreiche Vogelarten keine eigenen Baumhöhlen bauen können, sind sie auf die Arbeit der Spechte angewiesen. Zu den häufigsten Nachmietern gehören Meisen, Kleiber, Stare und Hohltauben. Aber auch Fledermäuse, Siebenschläfer oder Eichhörnchen nutzen ehemalige Spechthöhlen als sicheren Unterschlupf.
Ohne Buntspechte gäbe es in vielen Wäldern deutlich weniger natürliche Bruthöhlen. Deshalb gelten Spechte als sogenannte Schlüsselarten, von denen zahlreiche andere Tierarten unmittelbar profitieren.
Gut zu wissen:
Buntspechte bauen fast jedes Jahr eine neue Bruthöhle. Dadurch entstehen regelmäßig neue Lebensräume für andere Waldbewohner.
5. Er besitzt eine eigene Spechtschmiede
Nicht jede Mahlzeit frisst der Buntspecht direkt am Fundort. Besonders Zapfen transportiert er zu einer festen Arbeitsstelle – der sogenannten Spechtschmiede.

Dafür sucht er sich eine schmale Rindenspalte, einen Astwinkel oder einen kleinen Spalt im Holz. Dort klemmt er einen Kiefern- oder Fichtenzapfen so fest ein, dass er nicht verrutschen kann. Anschließend schlägt er mit seinem Schnabel die einzelnen Schuppen auf und holt die Samen heraus.
Diese Methode spart Kraft und ermöglicht es dem Buntspecht, auch harte Zapfen zu öffnen. Besonders im Herbst und Winter, wenn Insekten seltener werden, stellen Samen eine wichtige Nahrungsquelle dar.
Wer im Winter einen Baum mit einem auffälligen Haufen aufgebrochener Zapfen entdeckt, hat mit etwas Glück eine Spechtschmiede gefunden. Oft lässt sich der Buntspecht dann auch bei der Arbeit beobachten.
6. Seine Füße machen ihn zum perfekten Kletterer
Kaum ein heimischer Vogel bewegt sich so sicher an senkrechten Baumstämmen wie der Buntspecht. Während andere Vögel hauptsächlich auf Ästen sitzen, klettert er mühelos nach oben, unten oder seitlich um den Stamm.

Der Buntspecht besitzt zwei Zehen nach vorn und zwei nach hinten. Diese Anordnung sorgt für besonders festen Halt auf der Baumrinde und unterscheidet sich von den meisten Singvögeln, die drei Zehen nach vorn und eine nach hinten besitzen.
Zusätzlich greifen seine scharfen Krallen tief in die Rinde ein. Noch wichtiger ist jedoch sein kräftiger Stützschwanz. Die steifen Schwanzfedern werden beim Klettern gegen den Stamm gedrückt und wirken wie ein drittes Standbein. Zusammen mit den beiden Füßen entsteht eine stabile Dreipunktauflage, die selbst kräftiges Hämmern ermöglicht.

Diese Klettertechnik spart Energie und erlaubt es dem Buntspecht, Baumstämme systematisch nach Nahrung abzusuchen. Dabei arbeitet er sich oft spiralförmig um den Stamm herum und untersucht jede Rindenspalte nach Insekten oder Larven.
Die besondere Fußstellung findet sich übrigens bei vielen Spechtarten und gilt als perfekte Anpassung an das Leben am Baum.
Gut zu wissen:
Anders als Eichhörnchen kann der Buntspecht Baumstämme nicht kopfüber hinunterlaufen. Überwiegend bewegt er sich springend oder stückweise nach unten.
7. Im Frühjahr zapft der Buntspecht sogar Baumsaft
Obwohl der Buntspecht vor allem als Insektenfresser bekannt ist, erweitert er seinen Speiseplan im Frühjahr um eine ungewöhnliche Nahrungsquelle: Baumsaft.

Zu dieser Jahreszeit beginnt in vielen Bäumen der sogenannte Saftstrom. Wasser und gelöste Nährstoffe werden aus den Wurzeln bis in die jungen Triebe transportiert. Genau diesen nährstoffreichen Pflanzensaft macht sich der Buntspecht zunutze.
Mit seinem Schnabel hackt er kleine Löcher in die Rinde, häufig an Birken, Ahorn oder Linden. Der austretende Saft sammelt sich in den Vertiefungen und wird anschließend aufgeleckt. Oft legt der Buntspecht mehrere Löcher ringförmig um den Stamm an. Nach einiger Zeit verheilen diese wieder und bleiben als auffällige Narben sichtbar.
Die kleinen Löcher schaden gesunden Bäumen in der Regel kaum. Problematisch wird es erst, wenn Bäume bereits stark geschwächt sind oder viele Verletzungen gleichzeitig entstehen.

Gut zu wissen:
Nicht nur Buntspechte trinken Baumsaft. Auch andere Spechtarten nutzen diese zusätzliche Nahrungsquelle im Frühjahr.
8. Buntspechte fühlen sich auch in unseren Gärten wohl
Viele verbinden den Buntspecht ausschließlich mit alten Wäldern. Tatsächlich kommt er aber längst auch in Parks, auf Friedhöfen und in Gärten vor.
Wo ältere Bäume, etwas Totholz und ausreichend Insekten vorhanden sind, fühlt sich der Buntspecht auch mitten in Wohngebieten wohl. Deshalb lässt er sich heute selbst in Großstädten regelmäßig beobachten.
Im Winter besucht er außerdem gerne Futterstellen. Besonders beliebt sind Erdnüsse, Sonnenblumenkerne und Meisenknödel. Anders als Meisen oder Finken bleibt er dabei selten lange sitzen. Meist nimmt er ein größeres Futterstück mit und fliegt damit zu einem Baum, wo er es in Ruhe bearbeitet.

Ein naturnaher Garten mit vielfältigen Strukturen ist daher die beste Voraussetzung, um den auffälligen Trommler regelmäßig beobachten zu können.
Gut zu wissen:
Buntspechte sind Standvögel. Sie bleiben das ganze Jahr über in ihrem Revier und ziehen im Winter nicht in den Süden.
9. Alte Bäume sind für den Buntspecht unverzichtbar
Je älter ein Baum wird, desto wertvoller ist er für den Buntspecht.
In alten Stämmen entwickeln sich zahlreiche Käferlarven und andere Insekten, die tief im Holz leben. Gleichzeitig entstehen durch Pilze oder Fäulnis weiche Stellen, in denen der Buntspecht leichter seine Bruthöhlen anlegen kann.
Besonders wichtig ist dabei Totholz. Was für viele Menschen unordentlich wirkt, gehört zu den artenreichsten Lebensräumen unserer Wälder und Gärten. Neben dem Buntspecht profitieren davon unzählige Käfer, Wildbienen, Pilze und andere Vogelarten.

Deshalb gilt der Buntspecht auch als wichtiger Indikator für naturnahe Wälder. Wo alte Bäume und stehendes Totholz fehlen, findet er deutlich schlechtere Lebensbedingungen.
Gut zu wissen:
Der Buntspecht sucht gezielt nach Bäumen, die bereits kleine Hohlräume oder weiches Holz besitzen. Dadurch spart er beim Bau seiner Bruthöhle viel Energie.
10. Gedämmte Hausfassaden können ihn täuschen
Nicht jedes Loch, das ein Buntspecht schlägt, entsteht in einem Baum.
Besonders gedämmte Hausfassaden klingen für den Buntspecht ähnlich wie ein hohler Baumstamm. Deshalb beginnt er dort manchmal, nach Nahrung zu suchen oder sogar eine Bruthöhle anzulegen. Dabei können innerhalb kurzer Zeit Löcher in der Dämmung entstehen – sogenannte Spechtschäden.

Für den Buntspecht ist dieses Verhalten völlig natürlich. Er folgt lediglich seinen Instinkten und wird durch die akustischen Eigenschaften moderner Fassaden getäuscht.
Gut zu wissen:
Glatte oder schwingungsarme Verkleidungen können helfen, Spechtschäden an besonders gefährdeten Fassaden zu verhindern.
Häufige Fragen zum Buntspecht
Wie groß wird ein Buntspecht?
Mit einer Körperlänge von 23 bis 26 Zentimetern ist der Buntspecht etwa so groß wie eine Amsel. Sein schwarz-weißes Gefieder, die roten Unterschwanzdecken und der kräftige Meißelschnabel machen ihn leicht erkennbar. Das Männchen trägt zusätzlich einen roten Fleck im Nacken, während Jungvögel einen vollständig roten Scheitel besitzen.
Was frisst ein Buntspecht?
Der Buntspecht ist ein sogenannter Allesfresser. Seine wichtigste Nahrungsquelle sind jedoch Insekten und deren Larven, die unter der Baumrinde oder tief im Holz leben. Mit seinem kräftigen Schnabel legt er die Fraßgänge frei und zieht die Beute anschließend mit seiner langen, klebrigen Zunge heraus.
Zum Speiseplan gehören unter anderem Käferlarven, Ameisen, Spinnen und andere kleine Wirbellose. Besonders im Winter oder wenn Insekten knapp sind, stellt der Buntspecht seine Ernährung um. Dann frisst er auch Samen aus Fichten- und Kiefernzapfen, Bucheckern, Haselnüsse sowie verschiedene Beeren und Früchte.
Gelegentlich plündert er sogar Vogelnester und frisst Eier oder Jungvögel. Dieses Verhalten wirkt auf uns zwar ungewöhnlich, ist jedoch ein natürlicher Bestandteil seiner Ernährung und kommt nur gelegentlich vor.
Wo lebt der Buntspecht?
Der Buntspecht ist in fast ganz Europa sowie in großen Teilen Asiens verbreitet. In Deutschland gehört er zu den häufigsten Spechtarten und kommt nahezu flächendeckend vor.
Sein natürlicher Lebensraum sind Laub-, Misch- und Nadelwälder mit einem hohen Anteil älterer Bäume. Doch längst hat sich der anpassungsfähige Vogel auch Parks, Friedhöfe und naturnahe Gärten erobert.
Da Buntspechte Standvögel sind, bleiben sie das ganze Jahr über in ihrem Revier. Deshalb lassen sie sich zu jeder Jahreszeit beobachten.
Wie kann ich Buntspechte im Garten unterstützen?
Mit einem naturnahen Garten kannst du viel dafür tun, dass sich Buntspechte bei dir wohlfühlen.
Am wichtigsten sind alte Bäume und Totholz. Abgestorbene Äste oder ein stehen gelassener Baumstamm bieten Nahrung für zahlreiche Insekten und dienen gleichzeitig als Trommelplatz oder Höhlenstandort.
Auch heimische Gehölze, die Beeren oder Nüsse tragen, verbessern das Nahrungsangebot. Im Winter freuen sich Buntspechte zusätzlich über Sonnenblumenkerne, Erdnüsse oder Meisenknödel an einer Futterstelle.
Auf das Aufhängen eines Nistkastens kannst du dagegen meist verzichten. Buntspechte bauen ihre Bruthöhlen lieber selbst und schaffen damit gleichzeitig wertvolle Lebensräume für viele andere Tierarten.





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