Darum sind Wildbienen wichtiger als Honigbienen – und was du wirklich für sie tun kannst

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2026

Wenn es um Insektenschutz geht, denken viele zuerst an Honigbienen. An Bienenstöcke, Honiggläser und summende Völker im Garten. Auch wir haben lange geglaubt: Je mehr Honigbienen, desto besser für die Natur.

Doch je tiefer wir uns mit dem Thema beschäftigten, desto klarer wurde: Für die Artenvielfalt sind nicht die Honigbienen entscheidend – sondern die Wildbienen.

In Deutschland leben fast 600 Wildbienenarten. Rund jede zweite davon gilt als gefährdet (siehe rote Liste). Gleichzeitig ist die Honigbiene dank Imkerei nicht bedroht. Trotzdem werden beide oft in einen Topf geworfen – mit fatalen Folgen für viele Pflanzen und spezialisierte Bestäuber.

In diesem Artikel erklären wir dir, warum Wildbienen eine Schlüsselrolle für unsere Ökosysteme spielen, weshalb mehr Honigbienen das Problem nicht lösen – und was du ganz konkret im Garten oder auf dem Balkon tun kannst, um Wildbienen wirklich zu helfen.

Inhaltsverzeichnis
  1. Viele verwechseln Bienen mit Honigbienen
  2. Warum Honigbienen wichtig sind – aber nicht bedroht
  3. Darum sind Wildbienen unverzichtbar
  4. Denkfehler: „Dann halten wir einfach mehr Honigbienen“
  5. Konkretes Beispiel: Warum Tomaten Hummeln brauchen
  6. Konkurrenz statt Hilfe: Wenn Honigbienen Wildbienen verdrängen
  7. Das eigentliche Problem: Unsere Landschaft ist zu aufgeräumt
  8. Was Wildbienen wirklich hilft – konkrete Maßnahmen

1. Viele verwechseln Bienen mit Honigbienen

Wenn wir im Alltag von „Bienen“ sprechen, meinen wir fast immer die Honigbiene. Sie ist präsent, bekannt und eng mit dem Menschen verbunden. Doch genau hier beginnt ein grundlegendes Missverständnis.

In Deutschland leben fast 600 Wildbienenarten. Dazu zählen Hummeln, Sandbienen, Mauerbienen, Pelzbienen und viele weitere, oft unscheinbare Arten. Die meisten von ihnen leben solitär, also nicht in Staaten, und viele sind hoch spezialisiert – auf bestimmte Pflanzen, Blütenformen oder Lebensräume.

Honigbienen sind dagegen hierzulande nur eine einzige Art. Sie sind Generalisten, anpassungsfähig und vom Menschen abhängig.

👉 Wer alle Bienen über einen Kamm schert, übersieht die enorme Vielfalt – und genau diese Vielfalt ist für funktionierende Ökosysteme entscheidend.

Wildbienen vs. Honigbienen – auf einen Blick

Wildbienen

  • 🧬 ca. 560 Arten in Deutschland
  • 🏡 meist Einzelgänger (solitär lebend)
  • 🌸 oft hoch spezialisiert auf bestimmte Pflanzen
  • 🌦️ fliegen auch bei kühlem Wetter und wenig Sonne
  • ⚠️ rund jede zweite Art gefährdet
  • 🌱 entscheidend für Artenvielfalt und stabile Ökosysteme

Honigbienen

  • 🧬 eine gehaltene Art (hierzulande)
  • 🏡 leben in großen Staaten
  • 🌼 Generalisten mit breitem Nahrungsspektrum
  • 👨‍🌾 stark vom Menschen abhängig
  • ✅ nicht gefährdet
  • 🌾 wichtig für Landwirtschaft und Honigproduktion

2. Warum Honigbienen wichtig sind – aber nicht bedroht

Honigbienen spielen eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft. Sie bestäuben viele Nutzpflanzen, sichern Erträge und liefern Honig. In Deutschland werden sie intensiv betreut: Zehntausende Imker kümmern sich um ihre Völker, behandeln Krankheiten und sorgen für stabile Bestände.

Deshalb ist eines wichtig festzuhalten:

Die Honigbiene gilt hierzulande nicht als gefährdet.

Auch Honigbienen leiden unter Pestiziden, Krankheiten und Monokulturen – doch sie haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber Wildbienen: Sie werden aktiv geschützt und vermehrt.

Diese Einordnung ist wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden. Denn Naturschutz bedeutet nicht, Honigbienen abzuwerten – sondern die tatsächlichen Problemlagen zu erkennen.

3. Darum sind Wildbienen unverzichtbar

Wildbienen sind für die Artenvielfalt nicht nur wichtig – sie sind unersetzlich.

Viele Wildbienenarten haben sich im Laufe der Evolution perfekt an bestimmte Pflanzen angepasst. Manche sammeln Pollen nur an einer einzigen Pflanzengattung, andere fliegen zu ganz bestimmten Zeiten im Jahr. Diese enge Beziehung sorgt dafür, dass Pflanzen zuverlässig bestäubt werden – selbst unter schwierigen Bedingungen.

Studien zeigen:

Wo viele unterschiedliche Bestäuberarten unterwegs sind, steigen Fruchtansatz, Ertrag und Qualität deutlich. Die Vielfalt der Bestäuber wirkt wie ein Sicherheitsnetz für die Natur.

👉 Honigbienen können diese Funktion nicht übernehmen. Sie ergänzen das System – ersetzen es aber nicht.

Gehen Wildbienen verloren, verschwinden nicht nur einzelne Insektenarten, sondern ganze Pflanzengemeinschaften. Und damit auch Lebensräume für Vögel, Kleinsäuger und andere Tiere.

4. Denkfehler: „Dann halten wir einfach mehr Honigbienen“

Der Gedanke liegt nahe: Wenn Bestäuber fehlen, setzen wir einfach mehr Honigbienen ein. Doch dieser Ansatz greift zu kurz.

Denn viele Pflanzen sind nicht durch Generalisten bestäubbar, sondern auf ganz bestimmte Wildbienen angewiesen. Honigbienen können diese Spezialisierung nicht leisten.

Internationale Untersuchungen zeigen zudem:

Selbst in Gebieten mit vielen Honigbienen sinkt die Bestäubungsleistung, wenn Wildbienen fehlen. Das liegt daran, dass unterschiedliche Arten unterschiedliche Blüten besuchen, zu verschiedenen Zeiten aktiv sind und verschieden effizient bestäuben.

👉 Mehr Honigbienen lösen das Problem nicht – sie verschieben es höchstens.

5. Konkretes Beispiel: Warum Tomaten Hummeln brauchen

Ein besonders anschauliches Beispiel sind Tomaten.

Ihr Pollen sitzt fest verschlossen in länglichen Staubbeuteln. Wind reicht nicht aus, und auch Honigbienen können den Pollen kaum lösen. Hummeln hingegen erzeugen mit ihren Flugmuskeln gezielte Vibrationen.

Diese sogenannte Vibrations- oder Buzz-Bestäubung schüttelt den Pollen frei – erst dadurch kann die Pflanze Früchte bilden.

Deshalb werden in Gewächshäusern gezielt Hummeln eingesetzt. Ohne sie bleiben Blüten leer oder bringen nur kleine, schlecht entwickelte Früchte hervor.

👉 Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich: Manche Pflanzen brauchen ganz bestimmte Wildbienenarten, sonst funktioniert die Bestäubung nicht.

6. Konkurrenz statt Hilfe: Wenn Honigbienen Wildbienen verdrängen

Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Nahrungskonkurrenz.

Honigbienen sammeln sehr effizient und in großen Kolonien. Sie können weite Strecken zurücklegen und große Mengen Pollen und Nektar eintragen. Wildbienen hingegen leben meist allein, fliegen kürzere Distanzen und sind stärker auf ihr direktes Umfeld angewiesen.

Wird das Nahrungsangebot knapp – etwa durch Monokulturen oder häufiges Mähen –, geraten Wildbienen schnell ins Hintertreffen. Studien zeigen, dass hohe Honigbienendichten Wildbienen aus bestimmten Gebieten verdrängen können.

👉 Mehr Honigbienen bedeuten also nicht automatisch mehr Naturschutz – im Gegenteil.

7. Das eigentliche Problem: Unsere Landschaft ist zu aufgeräumt

Das Kernproblem liegt nicht bei den Bienen, sondern bei uns.

Unsere Landschaft ist geprägt von Ordnung und Effizienz:

  • häufiges Mähen
  • versiegelte Flächen
  • Schottergärten
  • monotone Rasenflächen
  • intensive Landwirtschaft

Was dabei verloren geht, sind Strukturen: offene Böden, Totholz, alte Stängel, Sandflächen, blühende Säume. Genau diese brauchen Wildbienen zum Nisten und Überleben.

Pestizide schwächen zusätzlich alle Bestäuber – auch dort, wo sie gar nicht direkt eingesetzt werden.

👉 Wildbienen brauchen keine perfekten Gärten. Sie brauchen Vielfalt, Unordnung und Zeit.

8. Was Wildbienen wirklich hilft – konkrete Maßnahmen

Wenn du Wildbienen unterstützen willst, brauchst du keinen Bienenstock. Viel wirkungsvoller sind diese Maßnahmen:

  • 🌼 Heimische, ungefüllte Blühpflanzen mit gestaffelten Blühzeiten
  • 🪵 Totholz, Steinhaufen und alte Stängel
  • 🏖️ Sandflächen oder Sandarien für bodennistende Arten
  • ✂️ Weniger mähen, vor allem im Frühjahr
  • 🏡 Nisthilfen, aber nur fachgerecht gebaut und richtig platziert

Gerade bei Nisthilfen, Sandflächen oder Pflegemaßnahmen passieren viele gut gemeinte Fehler. Welche Maßnahmen Wildbienen tatsächlich helfen – und was ihnen oft mehr schadet als nützt –, haben wir im Artikel Wildbienen im Garten: Diese Fehler schaden mehr, als sie helfen ausführlich zusammengefasst.

Wenn du deinen Garten grundsätzlich umdenken willst, zeigen wir dir im Artikel Lebensraum statt Rasen: So wird dein Garten naturnah und biologisch vielfältig, wie aus einer monotonen Fläche Schritt für Schritt ein lebendiger Naturgarten wird.

Häufige Fragen zu Wildbienen und Honigbienen (FAQ)

Warum sind Wildbienen wichtiger als Honigbienen?

Wildbienen sind oft auf bestimmte Pflanzen spezialisiert und übernehmen Bestäubungsleistungen, die Honigbienen nicht leisten können. Viele Pflanzen sind sogar vollständig auf einzelne Wildbienenarten angewiesen. Ohne Wildbienen sinken Fruchtansatz, Ertrag und Artenvielfalt deutlich.

Sind Honigbienen schlecht für die Natur?

Nein. Honigbienen sind wichtige Bestäuber und Teil unserer Kulturlandschaft. Problematisch wird es erst, wenn sie als alleinige Lösung für das Insektensterben gesehen werden oder in sehr hoher Dichte auftreten, wodurch Wildbienen verdrängt werden können.

Welche Pflanzen sind auf Wildbienen angewiesen?

Dazu zählen unter anderem Tomaten, Rotklee, Luzerne und viele Wildpflanzen. Besonders Hummeln sind für Pflanzen wichtig, die eine Vibrationsbestäubung benötigen.

Was ist der Unterschied zwischen Wildbienen und Honigbienen?

Honigbienen sind eine vom Menschen gehaltene Art, leben in Staaten und sind Generalisten. Wildbienen umfassen hunderte Arten, leben meist allein und sind oft hoch spezialisiert – sowohl bei Nahrung als auch beim Nisten.

Wie kann ich Wildbienen im Garten oder auf dem Balkon helfen?

Durch heimische Blühpflanzen, weniger Mähen, offene Bodenstellen, Totholz, Sandflächen und fachgerecht gebaute Nisthilfen. Wichtig ist ein ganzjähriges Nahrungsangebot und möglichst wenig Ordnung.

Stechen Wildbienen?

Die meisten Wildbienen sind sehr friedlich. Viele Arten können kaum stechen oder tun es nur in äußerster Not. Für Menschen sind sie in der Regel vollkommen ungefährlich.

Schlagwörter

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert